• Begrenzungen sind Berührungen

    14 Feb 2018
  • Als ich einem Handleser einmal vorjammerte, dass ich keine Selbstdisziplin besitze, zeigte er mir eine Linie, die dafür stehe. In seiner Hand. In meiner gibt's die nicht.

    Ich habe also sozusagen eine Ausrede.

    Und trotzdem hadere ich immer wieder damit. Von nichts, kommt doch schliesslich nichts, oder?

    Ich muss zugeben, ich bin da etwas im Clinch. 

    Wenn ich daran denke, wie mein ältester Sohn heute freundlich grüsst, die Verwandtschaft sogar von sich aus umarmt, obwohl ich darauf nie gepocht hatte (oft dachte, ich müsste vielleicht), dann frage ich mich schon, brauchen wir wirklich Grenzen und Ziele? Weiss denn die Quelle in uns nicht ganz genau, wohin sie fliessen möchte?

    Wir bauen Kanäle und Dämme, und ich frage mich, machen wir hier Umwege oder Evolution?

    Als ich in meinen späten Teenagertagen Angst hatte, dick zu werden und mich als zu füllig empfand, konnte ich nicht Schokolade essen ohne gleich die ganze Tafel zu vertilgen. Erst seit ich mir in punkto Essen alles erlaube, worauf ich Lust habe fühl ich mich wohl in meinem Körper und kann Süsses tagelang geöffnet in meinem Schrank haben. Dieses etwas unbedingt haben wollen, oder auf keinen Fall dürfen oder das grosse Sollen, das ist für mich immer wie ein grosses Seilziehen. Macht ist im Spiel, gegen dich, deinen inneren Schweinehund, deine Hoffnungen und Befürchtungen. Und wo Macht im Spiel ist, gibt es auch einen Ohnmächtigen. 

     

    Aber gerade in der Kindererziehung kommt man ja um Grenzen kaum herum, ich zumindest nicht. Und gerade da finde ich auch Bespiele der anderen Seite.

    Ich sage Nein. Nicht weil ich Macht demonstrieren will, sondern weil mir etwas wichtig ist, weil ich meine Bedürfnisse ernst nehme.

    Nein, du lässt die X-box jetzt ausgeschaltet. Nein, du bleibst nicht zuhause, sondern kommst mit in den Wald. Nein, du gehst nach dem Abendessen nicht nochmals zu den Nachbarn.

    Ich sage Nein, und ich halte stand. Dem Schreien und Jammern, den Dingen, die durchs Wohnzimmer fliegen, den kreativen Warumdochs, dem Weinen, den Beschimpfungen, dem immer wieder Fragen, wie wenn die Antwort noch ausstünde, dem ichbindieschlimmsteMutterderWelt.

    Ich sage Nein und ich bleibe dabei.

    Und irgendwann, nach einer intensiven Sturmphase, kommt wie durch ein Wunder plötzlich die Sonne. Bei meinen Kindern ist das meist wie auf Knopfdruck, vom Einen ins Andere. Und es ist nicht so, dass sie mein Nein nun zähneknirschend akzeptiert haben (und mir das noch lange nachtragen werden). Nein, sie sind glücklicher als zuvor und scheinen richtig fest in sich verankert zu sein. Ich staune jedesmal, wie sie dann diese Kehrtwendung machen und kreativ werden.

    Und dann denk ich mir, Widerstand ist gut und wichtig. Es braucht die Reibung zum Wachsen.

    Nicht, dass ich jetzt in meinen Familienalltag absichtlich Widerstände einbaue, damit meine Kinder möglichst wachsen können, ogott, das wär mir viel zu anstrengend! Aber diese Episoden schenken mir Vertrauen, wenn ich Nein sage. Vertrauen, dass ich damit nicht ihren Willen breche, sondern ihnen die Möglichkeit gebe, ihre eigenen Inneren Grenzen zu sprengen.

     

    Denn seien wir ehrlich, die meisten unserer heutigen Grenzen finden wir doch in unseren eigenen Köpfen.

    Wir kommen an eine Situation und click, click, click! poppen da in unserm Kopf diverse Begrenzungen auf. Ein bisschen so, wie man auf ner Website auf einen falschen Knopf drückt und zig Fenster aufgehen. Dann kann ich mich mit jedem einzelnen Fenster auseinandersetzen, und da gehen dann meist noch mehr Fenster auf. Oder ich mache alle der Reihe nach wieder zu und kümmere mich weiter um das, was ich in erster Linie machen wollte. 

    Nun, so einfach ist es nicht immer. Manchmal empfinde ich es eher so wie eine Comicfigur, die in eine Falle tritt und mehrere, immer grösser werdende Käfige übergestülpt bekommt. Dann ist es schon schwieriger, da wieder rauszukommen.

    Aber auch das ist zu schaffen, und wenn ich es geschafft habe, dann bin ich glücklicher und stärker als zuvor. Also ganz klar für mich: Evolution braucht Widerstand. Kreativität braucht Widerstand. 

    Aber es ist eine Frage des Masses. Jeder kennt das Bild eines Blümchens, dass seinen Weg durch Beton geschafft hat. Ein kleines, zartes Blümlein mit verdammt viel Selbstbewusstsein.

    Aber wieviele andere Pflanzen sind an diesem harten Umfeld zugrunde gegangen?

    Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber wenn sie stirbt, dann ist die Kreativität erstmal, pardon! im Arsch.

    Und wie oft projizieren wir diese Hoffnung heutzutage auf den deus ex machina! Ziehen als Frau den Retter auf dem weissen Pferd vor, anstatt zu Superwoman zu mutieren. Hoffen auf den Lottogewinn, anstatt darauf zu vertrauen, mit unsern eigenen Ideen Reichtum zu erlangen.

    Mir scheint, wir haben die Lust am Kämpfen verloren, sehen in Widerständen oftmals nur Mühsal und die Bedrohung unserer Komfortzone.

    Dabei könnten wir die Freude wieder darin entdecken. Ein Rätsel lösen, eine knifflige Aufgabe meistern. Grenzen sind was Tolles, wenn wir unseren Spass damit wiederfinden. 

    Erinnern wir uns daran, wie wir unsere ersten Schritte gemacht haben und unseren Wortschatz Tag für Tag vergrössert haben! 

    Am Beispiel Yoga lässt sich das auch gut erklären. In einfachen Klassen kann ich mich da recht gut innerhalb meiner Komfortzone durchschlängeln, aber wenn ich gewillt bin, daran zu wachsen, dann gehe ich in einem Asana an meine persönliche Grenze. Nun habe ich mehrere Möglichkeiten.

    Ich kann über die Grenze hinausgehen und mich vermutlich dabei verletzen. Ich pendle zwischen Überforderung und Erschöpfung. 

    Ich kann meine Grenze achten und die Stellung verlassen, und wenn ich dazu tendiere, mir zuviel zuzumuten und oft meinen Ehrgeiz sprechen lasse, dann ist dies ein wunderbares Übungsfeld und auch eine Form von Ausdehnung.

    Eine dritte Möglichkeit (oder 4. wenn wir das gar nicht erst an die Grenze gehen auch dazuzählen) ist, ich entspanne mich in der Position. Anstatt die Zähne zusammenzubeissen und zu hadern, lasse ich los, nehme, die mir gebotene Grenze an und finde meinen Spass darin. Und dann merke ich vielleicht plötzlich, dass die Grenze sich verschoben hat. Ich kann dann noch ein paar Schritte machen, um mich ganz gemütlich und lächelnd wieder an die Grenze zu setzen und meinen Radius so mehr und mehr auszudehnen.

     

    Es geht gar nicht um die Frage: Grenze ja oder nein. Es geht um den Umgang damit.

    Eines ist für mich ganz klar. Grenzen sind nicht dazu da, überschritten zu werden. Weder mit Kraft noch mit List, weder meine eigenen, noch die meiner Mitmenschen. Grenzen schützen und es gibt keine Ausnahme, die es rechtfertigt, diese Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Passiert es doch, landet man im Jojo-Effekt.

    Grenzen gehören respektiert und angenommen. Und genau dadurch verschwinden sie, weiten sich aus, genau dadurch wachsen wir und erweitern unseren Horizont.

    Lasst uns aussteigen aus diesem Macht-Ohnmacht-Spiel! Nicht nur unsern Kindern, auch uns selbst gegenüber. Lassen wir uns von den Begrenzungen im Innen und im Aussen nicht so schnell erdrücken, verschwenden wir nicht unsere Energie damit, gegen sie anzukämpfen oder uns über ihre Existenz aufzuregen. Besinnen wir uns auf unsere Stärken und den Spass damit. (sofern wir uns auch genug Raum für die Schwäche geben und der Musse frönen). 

    Grenzen sind Berührung. Wenn wir sie geniessen, können wir uns noch tiefer berühren lassen. Ganz langsam und genüsslich in die Tiefe unseres Seins. Bis hinein in die Grenzenlosigkeit.