• Über den Wert, den ich mir gebe -oder eben nicht

    20 Mar 2018
  • Ich bin wütend.

    Wütend, weil ich nicht gesehen werde. Weil ich keine Priorität habe. Und ich bin es leid, dafür zu kämpfen. Ich mag nicht mehr.

    Und ich bin ja nicht auf andere wütend, letztendlich nur mit mir selbst. Nein, das stimmt nicht. Ich bin auch wütend auf Gott. (Was ja letztenlich auch nichts anderes ist als auf mich selbst.) Ich hadere.

    Was soll ich denn noch alles tun? Was muss ich noch alles anschauen? Welchen Stein noch umdrehen, welche undurchschaubar gewordene Fensterscheibe noch putzen? 
    Noch tausend, bis ich es mir nicht endlich wert bin, verstanden zu werden, ohne, dass ich mir dafür den Arsch aufreisse. Ja ich weiss, und ich stelle mich auch morgen gleich vor den Spiegel und sage der Frau darin: Ich liebe dich.
    Aber jetzt bin ich einfach mal beleidigt und enttäuscht und erschöpft. Und undankbar! Ja, da meldet sie sich gleich, meine innere Stimme, die mir vorhält, was ich doch schon alles habe, grad im Vergleich zu anderen.  Gopf, nicht mal undankbar darf ich sein! 
    Aber es gibt auch andere, die sehr viel mehr haben. Es gibt Leute denen Honig um den Mund geschmiert wird, obwohl nur Scheisse rauskommt. Scheisse mit Honig. Und da kommt gleich eine andere Stimme, die sich darüber empört, was ich mir denn da anmasse. Was denk ich mir denn, dass ich Besseres zu sagen habe? Wer bin ich denn schon? Was habe ich denn schon vorzuweisen?

    Und da pendle ich zwischen zwei Extremen. Denn solange ich mich mit anderen messe, gibt es immer jemanden, der besser ist und jemanden, der schlechter ist.
    Das Leben in diesem Wertesystem ist furchtbar anstrengend. Warum nur mache ich da mit? Warum nur, finde ich den Mut nicht, da endlich auszusteigen? Nicht, indem ich mein Köfferchen packe und auf die einsame Insel ziehe. Das ist nicht Aussteigen. Das ist Verstecken, das ist Alle-Spiegel-abdecken.
    Aussteigen in meinem Kopf. Aufhören zu werten. Gleichwertigkeit. Aber das ist schon wieder eine Schublade. Nullwertigkeit. Alleswertigkeit. Nein ohne Wertung. Alles und Nichts. 

    Wertung passiert in meinem Kopf, und nur in meinem Kopf. Die Wertung im Aussen ist mein Spiegel davon. Und wie oft schränke ich mich selbst dadurch ein. Wie zum Beispiel vor Jahren am Casting zum Film „Snowwhite“. Als ich mir Sorgen über meinen ostschweizer Dialekt machte. Schlussendlich haben sie für die Rolle der Goldküstentussi eine Französin engagiert und sie synchronisiert. Ich hab mich selbst verarscht.

    (Die Stimme in mir, die Überheblichkeit verurteilt, möchte noch anmerken, dass ich damit nicht behaupte, dass ich die Rolle sonst bekommen hätte. )

    Oder eben heute. Als ich zum Casting für den Schweizer Tatort eingeladen war. Aber eben nicht für eine Rolle. Sondern lediglich zum Gegensprechen. Und ich wusste ja, auf was ich mich einliess, habe mich bewusst dafür entschieden. Aufs Spielen, auf das Kennenlernen der Regisseurin, aufs Wiedermal-der-Casterin-die-Hand-schütteln. Und es hat auch Spass gemacht, und ich würds wiedermachen. Aber was mache ich mit meinen Gefühlen? Die Gefühle, die von Gedanken herrühren, dass ich keine Priorität, hätte. So wie sich Geliebte fühlen. Ohne Recht im Vergleich zur Ehefrau/Ehemann. Und trotzdem Wesen mit Bedürfnissen. Aber eben auch mit dem freien Willen.

    Wir können uns für die Opferrolle entscheiden. Oder wir übernehmen die Verantwortung, akzeptieren den Stand der Dinge und entscheiden daraus neu. Kein Baby, das gerade laufen lernt, wirft die Flinte ins Korn angesichts der älteren Geschwister, die ihm davon rennen. Es mag vielleicht frustriert sein und diesem Frust auch lauthals Luft verschaffen, aber es probiert dennoch weiter, langsam einen Fuss vor den anderen zu setzen. Jetzt erst recht. Und diese Beharrlichkeit führt zum Ziel. Mit jedem Monat etwas schneller. Aber die Gefühle bleiben. Der Frust wird nicht aufhören, solange wir vorwärts kommen möchten.

    Und diese Insel ist zwar manchmal sehr verlockend, aber ich möchte reisen. Mit allen Höhen und Tiefen. Und so werde ich weiter an Castings gehen, und ich werde weitere Absagen kriegen. Und ein weiteres Mal von Freunden versetzt werden und lauwarme Feedbacks kriegen. Oder Ignoranz.

    Und vielleicht werde ich erst dann grosse Erfolge feiern, wenn ich mutig genug bin, auch die Schmach zu ertragen. 

    Solange ich mich für kleine Fehltritte verurteile, würde mich die Schmach umbringen. Und da erscheint mir Gott dann wieder sehr gerecht und liebenswürdig. Er gibt mir, was ich verkraften kann. Ich selbst erlaube mir zu erleben, was ich mir zutraue. Und im Moment ist das eben das. Bis ich mir Grösseres zutraue. Und Grösseres in der Dualität heisst eben halt in beide Richtungen. Ein und Ausatmen. Tag und Nacht. Männlich und weiblich.

    Das was wehtut ist lediglich die Wertung. Es sind nicht die Gefühle. Es sind die Gedanken über die Gefühle. Der Gedanke von besser oder schlechter.

    Oder eben der Gedanke an ein Aussteigen aus der Wertung. Und da schleicht sich die Dankbarkeit zurück. Und der Gedanke daran, dass alles genau richtig ist, so wie es eben ist. Ich komme von irgendwoher und jetzt bin ich hier. Genau hier, wo ich entscheiden kann, wohin und wie ich meinen nächsten Schritt mache.

    Und letztendlich gibt es nur die eine Entscheidung, die es für mich zu treffen gilt. Ich entscheide mich für mein Herz. Meine ganz private Insel. Wo der Richter in meinem Kopf keine Macht über mich hat. Ich entscheide mich fürs Jetzt. Wo ich nicht über vergangene Fehler grüble oder mich vor zukünftigen Konsequenzen fürchte. Da wo es echt ist. Heisst natürlich nicht, dass da nur Blümchen wachsen. Da schau ich runter und bäm, ich stehe mitten im Kuhfladen. Da stehe ich nicht lange. Ich mache den Schritt raus aus der Scheisse. Ich mache einen Schritt vorwärts. Oder manchmal auch zurück. Ich komme aus der lähmenden Kraft meines Kopfkinos und erkenne, dass das Leben sehr relativ ist. Ich freue mich, wenn ich eine kleine Film-Rolle kriege, während andere wohl mit Gott hadern, wenn sie den Oscar nicht gewonnen haben. Ich kriege Angst, wenn der Kontostand gen Null geht, während andere nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Ich verurteile mich für Dinge, die für die Skrupellosen nicht der Rede wert sind, während die Frommen mich dafür in den Sündenpfuhl verdammen.

    Ich nehme meinen Perfektionisten an die Hand und mache einen ersten Schritt. Bis er mir vor so viel Schiss in der Hose wieder im Genick sitzt und ich wieder von Neuem beginne.

    Mit dem Vertrauen, dass die Spaziergänge mit jedem Mal etwas länger werden...