• Von Sirenen und Dämonen

    13 Sep 2018
  • Da sind sie wieder. Die Sirenen.
    Wie sie Odysseus auf seinen Irrfahrten antraf. Verlockend und schön. Und eine Sackgasse. Aber eben eine sehr reizvolle und auch süchtigmachende Sackgasse. Oder ein bisschen so wie ein Aufenthalt im Feenland. Einlullend in eine scheinbare Traumwelt und ehe man sich’s versieht, sind Jahre vergangen. 

    Heute kamen sie aus dem Nichts, ein klarer Hinterhalt. Ich habe mich hingesetzt zur Meditation, hab mich gefragt, was da ist gerade, in mir, und dann wumms, hat es mich überrollt wie eine Lawine. Die Sehnsucht.
     
    Offensichtlich hat sie nur darauf gewartet, bis ich meine Rüstung ablege.
    Sie ist immer da, nur manchmal besser versteckt und oftmals rückt sie in den Hintergrund, weil der Moment tatsächlich spannender ist. Zumindest greifbarer. Nun ja, das ist er ja immer. (Ich denke, es ist so ein inneres Abwägen. Eine Kopfrechnung: Realititätsfaktor multipliziert mit Spannungsfaktor bestimmt, was zur Prime Time im Kopfkino läuft.)
     
    In den mühsamen Stunden, wenn das Sollen hoch im Kurs ist und die Müdigkeit den Geist schwächt, dann haben die Sirenen ein leichtes Spiel. Nur einmal mit dem Propellerflugzeug über den Himmel flattern und so ein Banner hintennachziehen. Da steht dann ein Wort darauf, was sich sogleich in Leuchtlettern in mein Hirn frisst. Das kann so banal sein wie "Schokolade", oder aber komplexer. Etwas was nicht so greifbar ist, etwas, das wirklich fehlt in meinem Leben, oder ich zumindest nicht wahrnehme. Was mich dazu bringt, resigniert zurück ins Bett und unter der Decke zu verschwinden.
     
    Die Sirenen aus dem Schattenbereich. Sie singen von Dingen, die ich zuunterst in der Schublade versteckt halte.
     
    Und ich kann von Glück reden, dass es die Sirenen sind, es hätten auch die Dämonen anklopfen können. Während die ersteren von einer schöneren Welt singen und frohlocken, lassen die Dämonen keine Gelegenheit aus, die Welt noch schwärzer zu malen als sie ist. Dabei haben sie nur ein Ziel: dich daraus zu verjagen.
     
    Dämonen, Sirenen, letztendlich kommt es aufs gleiche raus: Flucht. Flucht aus dem Hier und Jetzt. Flucht vor den Schmerzen oder der Einöde.
    Es sind lediglich 2 Seiten einer Münze, die ich mir selber immer wieder hinterm Ohr hervorzaubere.
    Aber warum?

    Ich stelle mir vor wie sie geboren werden diese Sirenen und Dämonen. Sie kommen nie alleine, immer zu zweit. Ein niedliches, anfangs noch sehr harmloses Zwillingspärchen.
    Jedesmal, wenn ich mir etwas untersage, wenn ich einem Bedürfnis nicht nachgehe, ist dies die Initialzündung für eine Sirenchen.
     
     
    Das Dämonchen gesellt sich dazu aus den Gründen, warum ich mir dies verweigere.
    Denn immer geschieht dies doch aus Angst. Angst, nicht zu genügen, nicht geliebt zu werden. Angst, die Kontrolle zu verlieren oder überhaupt etwas zu verlieren. Oftmals den Schein, schillernde Konstrukte, die ich mir mühsam aufgebaut habe.
     
    Und manchmal sind es die Dämonen, die kurz vor dem Zwillingsgeschwister auf die Welt kommen. Ein beklemmendes Gefühl, das sich scheinbar zuerst breit macht, mich aber gleichzeitig immer von etwas abhält, was ich gerne erleben möchte. 

    Ich habe mir vor Monaten zwei Dinge vorgenommen und merke erst jetzt, wie das ebenfalls nur 2 Seiten von ein- und demselben sind.
     
     
    Ich möchte mich mehr trauen.
    Ganz simple Dinge zum Beispiel wie Achterbahn fahren. Dinge, die ich früher geliebt, mit denen ich aber bequemlichkeitshalber aufgehört habe. Und plötzlich hab ich davor so richtig Schiss. Man macht es sich ja so schnell gemütlich in der eigenen Komfortzone. Dumm nur, dass sie so je länger je mehr schrumpft. Bevor meine Zone also nur noch erbsengross ist, habe ich beschlossen, sie wieder auszudehnen. Ich bin mit meinem Sohn auf die krasseste Bahn im Europapark. Ich hab höllisch gelitten und vor Glück geheult als es endlich fertig war, aber ich habe damit einem Zwillingspärchen ein Stück Freiheit geschenkt.
    Und ich hab den ersten Rückwärtskopfsprung als Erwachsene gewagt, was supertoll war. (Für den Rückwärtssalto hat mein Mut diesen Sommer allerdings noch nicht gereicht.)

    Gleichzeitig hat die Komfortzone aber noch eine Sirenenseite. Ich habe gemerkt, wieviel Bequemlichkeit sich gerne einschleicht, wenn es um das Umsetzen meiner Bedürfnisse geht. Denn auch das braucht Mut. Und obwohl man sagen könnte, dass ein Aufenthalt im Day Spa absolut bequem ist, braucht es für mich doch erstmal das Verlassen der Comfort Zone, wenn ich dafür erst Kinder, Mann,Arbeit, Freunde,... hintenanstellen muss. Bzw. ich mich selbst zuvorderst in die Reihe beame.
     
     
    Mut die Bequemlichkeit zu verlassen und Mut mir eben genau diese von Herzen zu gönnen. 

    Und welche Erlösung für das Sirenen-Dämonen-paar, das mittlerweile, so gar nicht mehr niedlich, immer aufdringlicher geworden ist. 

    Von daher ist wohl keine der Möglichkeiten aus Homer wirklich die Lösung. Aber jede hat ihre Berechtigung.
     
     
    Ohrenpropfen rein und ausblenden. Auch das braucht Stärke. Und schärft den Fokus für das, was für dich gerade wichtig scheint. Denn seien wir ehrlich, es gibt in unserer Gesellschaft mit Familie und Arbeit und allem Drum und Dran einfach Dinge, die getan werden müssen, Dinge die uns im Endeffekt wichtiger sind, als schöne Klänge.

    Sich wie Odysseus anbinden lassen und zuhören, auch das möcht ich mir erlauben. In einem geschützten Rahmen mein Herz berühren lassen. (Die Arbeit kommt dann danach, wenn die Schiffsbesatzung ein Liedchen trällert und ich sie nach der Sirenenarie einfach nur als Lärm empfinde. Aber das ist wohl schlicht und einfach die Crux des Menschseins.) 

    Und manchmal werden einfach alle Vorsichtsmassnahmen in den Wind geschlagen und man gibt sich ganz der Schönheit und Kraft der Sirenen hin. In der Mythologie hat dieses Spiel ein tragisches Ende, nämlich den Tod. Aber wenn ich bedenke, dass noch so vieles in mir Sterben kann und darf, dann ist das vielleicht doch kein schlechter Weg…
     
     
    Ich hab nun doch noch den Begriff Sirene gegoogelt, um mich zu vergewissern, dass ich das alles nicht völlig falsch im Kopf habe. Wenn ich schon so geschwollen mit Literatur daherkomme!
     
    Und voilà, die Perle, die ich dabei entdeckt habe: 
    Nicht nur Odysseus, sondern auch Orpheus hatte das Vergnüngen mit den Sirenen.
    Und wie wunderbar, liefert er uns eine dritte Möglichkeit. Zwischen Kontrolle und Nachgeben, wählt er in der Versuchung einen Mittelweg.
    Orpheus soll nämlich mit seiner Leier den Gesang der Sirenen übertönt und so (fast (aber darauf wollen wir nun nicht weiter eingehen ;-))) die gesamte Manschafft heil aus deren Klangreichweite gebracht haben.
    Wie schön! Daran werde ich mich erinnern, wenn mir die Sirenen nächstes Mal ein verlockenderes Leben vorgaukeln und die Dämonen mir das jetztige vermiesen wollen. Ich steige aus aus meinem Kopfkino und lausche dem Klang meiner Seele. Ich lasse dieses innere Lied lauter werden, so dass es dieses ganze Verstandes-Gebrabbel mitsamt den, von ihm erzeugten Gefühl in den Schatten stellt. Da können sie sich ja erst einmal abkühlen.
     
    Hiermit erkläre ich die Orpheus-Taktik zur absoluten Königsdisziplin. 
     
    Ich werde mir weiterhin gelegentlich Ohrenpropfen reintun oder mich anbinden lassen, wenn ich mich nicht stark genug fühle. Und hin und wieder, wenn mir danach ist, oder ich nicht anders kann, werde ich mich treiben lassen.
     
     
    Aber jetzt werde ich erstmal unter der Bettdecke hervorkriechen und mich wieder zur Meditation hinsetzen. Und wenn Sirenen und Dämonen kommen, werde ich mich nicht abschrecken oder einnehmen lassen, sondern meinen Weg in die Tiefe fortsetzen. Dahin von wo meine innere Leier erklingt. 
     
    Ganz ehrlich (ich blicke gerade auf die Uhr),  noch davor werde ich mich hinten anstellen und meinen Lieben ein Mittagessen kochen. Und danach unterrichte ich Kindertheater und Yoga.
     
    Aber ich bleibe wachsam und bin gespannt, welche Dämonen und Sirenen mir da begegnen….