• Was muss in mir sterben, damit ich auferstehen kann? -ein Wort zur Kirche

    1 Apr 2018 | Fullwidth | web309
  • Karfreitag. Im wohl kleinsten Kino, in der einzigen Abendvorstellung in der ganzen Stadt Zürich: Maria Magdalena.
    Immer wieder fallen mir die Augen zu.
    Nicht weil ich fast einschlafe, sondern weil es mich so in meine eigene Tiefe zieht. In die Tiefe meines Herzens.
    Ostern, ohne nicht mindestens einen Jesusfilm, ist für mich nicht Ostern. 
    Und Ostern ist mir heilig.

    Dabei bin ich vor Jahren aus der Kirche ausgetreten.
     
    Ich hab in meiner Kindheit zweimal in der Woche den Gottesdienst besucht, immer Mittwochsmorgen früh in die Schülermesse und am Sonntag in die grosse Kirche. Und ich hab das wirklich ernst genommen. Ich ging gerne und hab darauf gewartet, dass mir ein Engel erscheint. Oder Maria Mutter Gottes, wie der heiligen Bernadette von Lourdes und den Kindern von Fatima.
     
    Aber da war auch dieses Konzept von Schuld, das ich spätestens bei der ersten Beichte kennenlernte.
    Was beichtet man als 7-jähriges Mädchen? Das Streiten mit den Geschwistern, der Ungehorsam gegenüber den Eltern, ...
    Der Gedanke, nicht gut genug zu sein wuchs. Der Wunsch nach Heiligkeit führte zu Verurteilung. Und je mehr ich verurteile, desto weniger heil fühle ich mich.
    Mal ehrlich. Kinder streiten. Kinder testen ihre Grenzen. Und das ist gut. Und das ist wichtig. Kinder sind heilig. Warum sollen sie beichten? Das Konzept des Verzeihens finde ich ja enorm wertvoll, aber warum gegenüber einem Priester? Wozu in einem Beichtstuhl?  
     
    Als ich in in die Pubertät kam, wurden diese Messbesuche lästig. Ich sass in diesen harten Kirchenbänken und versuchte die Worte zu erfassen, nicht mit meinen Gedanken abzuschweifen. Ich zweifelte, rebellierte innerlich und konnte keinen Sinn erkennen. Zudem kämpfte ich regelmässig gegen die Übelkeit, die aufkam, wenn wir uns vor der Kommunion zweimal hinknien mussten.
    Vermehrt verhandelte ich mit meiner Mutter, und manchmal schwänzten wir und beteten dafür einen Rosenkranz. Ich weiss nicht mehr wie genau, aber die Kirchenbesuche beschränkten sich immer mehr auf die Feiertage.
    Dafür häufte sich in unserem Haus esoterischere Literatur (für die ich meiner Mutter heute noch dankbar bin). 
    Anstatt Gott in den Worten des Pfarrers zu suchen, versuchte ich ihn, zwischen den Zeilen zu erfassen.
    Erst während meiner Yogaausbildung schien sich einiges an Theorie zu setzen, plötzlich erahnte ich, wie all die unterschiedlichen Thesen sich nur in ihrer Form unterscheiden. Bibel, Thora, Koran, Veden, esoterische Konzepte, … die Mythologie, Harry Potter, Die uendliche Geschichte, Herr der Ringe, Quantenphysik,... das Leben. All the same. 
    Und plötzlich, dank den Yogis, machte auch Jesus für mich Sinn. 
     
    Auf dem Papier war ich immer noch katholisch. "Nützt’s nüt, schadt's nüt", dacht ich mir.
    Bis eine gute Freundin von mir wieder regelmässig zur Kirche ging und mir sagte, dass die katholische Kirche gegen Yoga sei. Ich hatte das schon einmal von meiner Putzfrau gehört, und letztendlich war mir das egal, aber von einer Freundin als quasi Sünderin betrachtet zu werden, das machte etwas mit mir.

    Es machte mich wütend. Da kam plötzlich soviel Wut hoch. Soviel Wertung, Abwertung, so viel Trennung.

    Soviel Blutvergiessen, weil die Form nicht richtig war. Weise Heilerinnen, die als Hexen verbrannt wurden, heilige Männer, die starben, weil Gott einen anderen Namen gaben. Soviel Unterdrückung in mir drin, weil die Kirche eine Gut-und-Böse-Liste führt. Mir wurde klar, wenn ich mir selbst treu sein möchte, dann musste ich mich von diesen Dogmen befreien. In mir drin.
    Aber erstmal als Symbol im Aussen. Ich trat aus der Kirche aus. Ein erster Befreiungsschlag.

    Ein langer Prozess, denn immer wieder spürte ich den Mönchen in mir, der sich selbst kasteit, weil er gesündigt hat. Und die Scham.
     
    Dabei ist da dieser Jesus, diese wundervolle Figur, die nicht trennt, sondern das Himmelreich für alle öffnet. 
    Liebe deinen nächsten wie dich selbst. 
    Wie dich selbst.
    Ich glaube, wir können gar nicht anders, und genau, darum gibt es soviel Streit und Krieg. Wir vergessen, uns selbst zu lieben. 
    Ganz schön schwierig auch in diesem menschlichen Körper mit dem richtenden Gott des Alten Testamentes im Kopf. 
    Noch dazu als weibliches Wesen. Die Bibel liefert ja nicht gerade role models für die heutige Frau. Eva lässt sich vom Teufel verführen und verleitet dann gleich auch Adam und die ganze Menschheit zur Sünde. (ok, Adam kommt hier, leicht dümmlich, auch nicht viel besser weg). Maria kann Sohn Gottes nur empfangen, wenn sie die Finger von Sex lässt, Maria von Magdala ist eine reuige Sünderin, Delila, die Samson die Haare schneidet, eine Verräterin. 
    Bestimmt waren alle diese Frauen viel stärker als die Geschichten erzählen. Tatsache ist, die Bibel wurde in einer patriarchalischen Zeit geschrieben und von einer korrupten kirchlichen Institution im Mittelalter mehrmals überarbeitet. So war es Papst Gregor, der Maria im Jahre 604 den Titel Prostituierte erteilte.
     
    Es ist Zeit, das Weibliche aus den Begrenzungen zu heben. Ihm Raum zu geben, es mit dem Männlichen gleichzusetzen. Nicht nur in der Lohndebatte. Nicht in der Frau, die sich als Mann verkleidet und die Keule schwingt. In der Frau, mit all ihren Facetten und Zyklen. 
    Erkennen wir die Kraft im Weiblichen. 
    Und da gehört auch dazu, dass wir aufhören, das Sein unter das Tun zu stellen, das Aktive über das Passive, Leistung über die inneren Werte. 
     
    Der Film "Maria Magdalene" ist Balsam für meine Seele. Maria ist darin weder Sünderin, noch Versuchung. Sondern dem Männlichen ebenbürtig. Jesus und Maria als Yin und Yang.
    Und obwohl ich erst etwas enttäuscht war, als ich las, dass Maria und Jesus in dem Film keine Liebesbeziehung haben (zumindest nicht im weltlichen Sinn), finde ich das nun eine sehr gute Wahl. So müssen die Katholiken nicht auf die Barrikaden. Keine Teilung.
    Vereinigung. Heilung.
    Im Abspann steht, dass der Vatikan 2016 offiziell anerkannte, dass Maria Magdalena zu den Aposteln gehörte. Das wusste ich gar nicht. Es besteht Hoffnung.
    Wer weiss, vielleicht werde ich ja irgendwann wieder eintreten…
     
    Übrigens möchte ich hiermit auf keinesfalls die Religion verschreien! Sie kann gerade jetzt gerade für dich etwas wundervolles sein!
    Es ist doch wie in jeder Beziehung, privat wie geschäftlich. Nichts ist perfekt, nicht alles ist immer stimmig und es ist auch nicht die Frage, ob gut oder schlecht. Ich frage mich, ist mein Herz mit in der Sache oder entscheidet da der Kopf. Bin ich in der Beziehung, weil es eben nun so ist, weil man es so macht? Oder gar weil ich Angst habe, sie zu beenden? Schenkt mir diese Sache mindestens ebensoviel, wie sie mir raubt? Oder, und in unserer Wegwerfgesellschaft finde ich dieses Oder sehr wichtig, lässt sie mich wachsen? Wachsen in den Herzmenschen, den ich sein möchte?
    Wenn ich mich selbst zu 100% liebe, wo und mit wem bin ich dann? Was mache ich? Wer bin ich?
     
    Ich persönlich bin mit Gott. Mit Jesus. Aber im Moment ohne Kirche. Zumindest nicht in einer offiziellen Beziehung. Einsiedeln ist immer wieder ein Besuch wert, das Vater unser hab ich für mich leicht abgeändert, und den Rosenkranz möchte ich auch bald wieder einmal beten. Ich bin ja immer noch im Heilungsprozess. Das Amen konnte ich lange nicht mehr sagen, ohne dass es mir die Kehle zuschnürte. 
    Ich freue mich, dass mir mittlerweile dabei mein Herz aufgeht.