• Trotz kennt kein Alter - kann aber jünger machen.

    31 Jan 2019
  • In der Kinderwelt ein wichtiger Entwicklungsschritt, in der Pubertät umsomehr. Verweigerung, Rebellion, beleidigt sein, je nach Mächteverhältnis trotzt der Trotz in vielen Facetten zwischen Ohnmacht und Tyrannei. Wie ich auf der swissmomseite erfahre, dient er dem Ablösungsprozess, dem Selbstständigwerden. Den Altersangaben auf dieser Seite zufolge, hat meine Jüngste diese erste Phase gerade abgeschlossen und mein Grösster nimmt Anlauf für die grosse Teenagerrebellion. Die Widerstände meiner drei Kinder kann ich also nur bedingt einer grossen Entwicklungsphase in die Schuhe schieben. Und trotzdem sind sie da. Bei ihnen, wie auch bei mir.

    Nur bei mir ist das noch einmal einen Zacken weniger salonfähig. Eigentlich schon richtig tabuisiert, so ein Getrotze im Erwachsenenalter.

    Schliesslich sollte ich nun selbstständig sein. Bei Wikipedia lese ich: "Allgemein geht man davon aus, dass der Erwachsene jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat, die ihn befähigen, die für sein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen selbständig und eigenverantwortlich zu treffen." 

    Anlässlich der vielen Projektionen, die ich so beobachte, wage ich stark zu bezweifeln, dass die Bezeichnung "Eigenverantwortung" auf jeden Menschen über 18 zutrifft. Ich behaupte, dass diese Kombination sogar eine regelrechte Rarität ist. Denn wie oft geben wir Eigenverantwortung ab und machen uns selbst zum Opfer unserer Umwelt. Angefangen bei lauten Nachbarn, die unsere Ruhe stören, wir aber doch nicht den Mund aufmachen, bis zum Wetter, das die langgeplante Gartenparty ins Wasser fallen lässt. Überall dort, wo wir uns lähmen lassen, wo wir uns entscheiden lieber in die stille Schuldzuweisung zu gehen, anstatt zu handeln oder den Blickwinkel zu wechseln, geben wir unsere Eigenverantwortung ab. Wir machen unsere Umwelt verantwortlich für unsere Gemütslage und bleiben nicht selten daran hängen. Solange wir eine Ausrede haben, einen Sündenbock ist das doch wunderbar bequem.

    Etwas Trotz muss sein. Seien wir ehrlich, es tut manchmal so richtig gut, trotzig zu sein und sich selbst zu bemitleiden. 

    Und er ist ein wunderbarer Wegweiser für die eigenen Bedürfnisse. Wenn ich sie darin erkenne, kann ich sie mitteilen. Mach ich das trotzig, werde ich vermutlich nicht ganz ernst genommen, denn im Trotz stelle ich mich unter die andere Person.

    Betrachte ich mich hingegen als gleichwertig und gebe meinem Bedürfnis die Berechtigung, löst sich der Trotz auf.

    Da liegt also der Hund begraben.

    Ich rebelliere nicht, weil meine Umwelt mir mein Glück verwehrt. Ich rebelliere, weil ich das Gefühl habe, dass mir mein Glück nicht zusteht, ich kein Recht darauf habe. Wenn ich mein Bedürfnis als wertvoll betrachten kann, dann kann ich sie mitteilen ohne Schuldzuweisung, ohne Müssen und Sollen und ohne Konjunktiv. Und angstfrei, denn wie der andere reagieren könnte, ändert nichts an meinem Bedürfnis. Egal ob der andere mir in dieser Situation helfen kann oder nicht, es wird für ihn nun einfacher sein, mein Bedürfnis als solches zu respektieren, und ich kann wiederum auf seine Antwort reagieren und meine Konsequenzen ziehen.

    Das wäre für mich die Definition von Selbstverantwortung.

    Nun schön und gut und leichter gesagt als getan, denn solange wir alte Verletzungen in uns rumtragen, kann unser Umfeld zum Minenfeld werden, und da wird wild in unseren Wunden herumgestochert und wir werden in unserer Emotion getriggert und mutieren eben wieder zum kleinen trotzenden Kind.

    Und das ist fabelhaft, denn ein wunder Punkt ist, wie gesagt ein Wunderpunkt. Ohne diese, wüssten wir nicht, wo unsere Verletzungen sind und würden womöglich sang und klanglos verbluten eines Tages.  

    Die eigene Empfindlichkeit kann mich dem Heilwerden, meinem Ganzwerden ein Stück näher bringen. Ich kann mich dem verwehren, in dem ich mir sage: "Jetzt stell dich doch nicht so an, du bist doch schon gross!" (aha, klingelt da was?) oder ich nehme meine Gefühle an und nehme sie ernst, fühle sie, umarme sie und gebe ihnen genau den Raum den sie brauchen.

    Den Trotz habe ich selbst immer als eine Art Sackgasse erlebt. Wie er für mich zur Heilungsoase wurde, durfte ich Anfang Jahr erfahren.

     

    Ich war in einer Breathworksession. Eine Stunde auf dem Rücken liegen und zu lauter Musik tief (so richtig tief) durch den Mund ein- und ausatmen. Hab ich die letzten 2 Jahre öfters getan, für mich alleine oder in der Gruppe und immer wundervolle Erfahrungen gemacht. Das lustige ist, dass die wohl tiefreichendste Breathworksession jene war, in der ich kaum geatmet habe. Ich hab mich sehr gefreut auf das tiefe Atmen. Aber kaum ging es los, sind meine Jalousien runtergefallen. Ich konnte nicht atmen. Doch, ich hätte schon gekonnt. Aber ich wollte nicht. Ich hatte überhaupt keine Lust tief zu atmen, geschweige denn durch den Mund. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich gar nicht mehr geatmet. Tatsächlich hielt ich auch hin und wieder den Atem an, was wunderbar war. Aber sobald ich wieder halbwegs atmete, da war ich wieder im Widerstand.

    Eigentlich war das kein schlechtes Gefühl, es tat gut mir diese Verweigerung zu gönnen. Gelegentlich fragte ich mich, warum ich extra hergekommen und 50.- bezahlt hatte, und gegen was ich denn eigentlich rebellierte, wo ich mir doch ganz offensichtlich nur ins eigene Fleisch schnitt. Die zwei Breathworkleiter mussten sich wohl auch fragen. Zwischendurch kamen sie vorbei und berührten mich. Äusserlich, wie innerlich. Tränen rannen und mein Körper zitterte, aber ich blieb standhaft. Mehr als ein, zwei Atemzüge durch den Mund gab ich nicht preis. Und wenn die zwei weiterzogen zu anderen Atmenden, solche, die vermutlich wirklich atmeten, war die Nacht dunkler als zuvor. Aber ich hatte nichts verloren, denn ich hatte nichts gegeben. Der Laden war dicht und ich lag da und haderte mit Gott. Ihm galt mein ganzer Trotz. Aber er kam nicht und klopfte an meine Jalousien. Manchmal, ganz kurz, wenn ich den Atem anhielt, dann spürte ich ihn, aber dann nahmen meine Lungen ihre Tätigkeit wieder auf, und er rettete mich nicht. 

    Irgendwann so nach 45 Minuten, gab ich auf und rollte auf die Seite in die Embryohaltung. Ich zog die Decke über den Kopf und öffnete die Augen. 

    Die Welt war plötzlich wunderschön. Dieses helle Weiss der Baumwolle und meine Hände, die mir irgendwie lustig vorkamen. Und da, von ganz alleine begann ich zu atmen, voll und tief durch den Mund. Ich genoss, wie sich mein Körper unter der Decke ausdehnte und wieder entspannte. "Ich bin noch nicht ausgereift." dachte es in mir. Und da kam mir in den Sinn, dass meine Mutter meinen Geburtsprozess einleiten musste, weil ich eine knappe Woche über dem Geburtstermin war und man das da so machte. In dem Moment war ich mir nicht sicher, ob das wirklich so war, oder ob ich das irgendwie falsch im Kopf hatte, jedenfalls war es nun so, dass ich unter dieser Decke atmete und mir die Gelegenheit gab, mich fertig zu entwickeln. Für mich zu sein, bis ICH bereit war für die Welt. 

    Nach circa 10 Minuten schon sehnte ich mich nach frischerer Luft, und ich öffnete die Decke ein wenig. Das tat so gut, dass ich mehr und mehr daran zog bis mein Kopf ganz frei war. Und ich atmete immer noch tief, und es ging mir immer noch gut. Und ich merkte, wie sich die Welt verändert hatte.

     

    Um das zu erläutern, muss ich nochmals ausholen.

    Im Rahmen meiner Ausbildung erhielt ich von einer Mitstudentin eine Rückführung zu den Anfängen meines Lebens. Ich erlebte mich selbst im Bauch meiner Mutter, und ich erfuhr noch einmal meine eigene Geburt. Ich war überwältigt von der Liebe meiner Eltern und dem Gefühl von Willkommensein. Zutiefst berührt.

    Und zutiefst verwirrt als ich nach dem ersten Kennenlernen auf die Babystation verfrachtet wurde. Hä?, ich dachte, ich sei so willkommen? So geliebt? Und jetzt lieg ich hier ganz alleine und meine Eltern sind..., ja keine Ahnung wo.

    Irgendein Lichtwesen um mich, erklärte mir, dass die Menschen das so machen hier, und dass mein Mami sich nun ausruhen kann, aber das leuchtete mir nicht ein. Ich konnte diese zwei ersten Eindrücke, der Welt einfach nicht zusammenbringen.

    Eigentlich mein ganzes Leben lang nicht.

     

    Bis eben auf den Moment meiner Antibreathworksession wo ich unter der Decke hervortauchte. Da merkte ich, dass der Gedanke an die Babystation gar nicht mehr schlimm war. Im Gegenteil, ich lag da und genoss die Zeit für mich, und ich fand es spannend, mich hier umzusehen, die unterschiedlichen Stimmen der anderen Babies zu hören.

    Und ich wusste, auch wenn ich meine Eltern grad nicht sehe, die Liebe ist dennoch da. Ich werde gewollt auch wenn ich gerade keinen Beweis dafür kriege.

    Liebe ist nicht etwas, was man tut oder nicht tut. Liebe ist.

    Und Gott ist. Punkt.

     

    Ich bin so froh, hab ich auf der Yogamatte nicht gedacht, "jetzt stell dich nicht so an!", bin so dankbar, dass ich mich nicht zum Atmen gezwungen habe.

    Ich habe mich in meinem Trotz ernst genommen.

    Auch wenn es irrational und kindisch war.

    Es war genau das, was ich brauchte.