• In der Kinderwelt ein wichtiger Entwicklungsschritt, in der Pubertät umsomehr. Verweigerung, Rebellion, beleidigt sein, je nach Mächteverhältnis trotzt der Trotz in vielen Facetten zwischen Ohnmacht und Tyrannei und dient dem Ablösungsprozess, dem Selbstständigwerden, wie ich auf der swissmomseite erfahre. Gemäss den Altersangaben auf dieser Seite, hat meine Jüngste diese erste Phase gerade abgeschlossen und mein Grösster nimmt gerade Anlauf für die grosse Teenagerrebellion. Die Widerstände meiner drei Kinder kann ich also grad keiner grossen Entwicklungsphase in die Schuhe schieben, und trotzdem sind sie da. Bei ihnen, wie auch bei mir. Nur ist das bei mir noch einmal einen Zacken weniger salonfähig. Eigentlich schon richtig tabuisiert, so ein Getrotze im Erwachsenenalter, schliesslich sollte ich nun selbstständig sein. Ausserdem weiss ich, dass ich mir damit nur selber schade. Rebellieren, das ist schon wichtig ab und an, aber dieses beleidigte Leberwurst sein, wozu soll das gut sein? Ok, es ist eine Anerkennung meiner Gefühle, dass etwas eben gerade nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Und es tut manchmal auch richtig gut den Laden dicht zu machen. Dumm nur, dass ich mich selbst nicht ausstehen kann, wenn ich da hocke und darauf warte, dass jemand an die verschlossenen Jalousien klopft. Was meistens eben nicht passiert. 

     

    Ich war neulich in einer Breathworksession. Eine Stunde auf dem Rücken liegen und zu lauter Musik tief (so richtig tief) durch den Mund ein- und ausatmen. Hab ich die letzten 2 Jahre öfters getan, für mich alleine oder in der Gruppe und immer wundervolle Erfahrungen gemacht. Das lustige ist, dass die wohl tiefreichendste Breathworksession jene war, in der ich kaum geatmet habe. Ich hab mich sehr gefreut auf das tiefe Atmen. Aber kaum ging es los, sind meine Jalousien runtergefallen. Ich konnte nicht atmen. Doch, ich hätte schon gekonnt. Aber ich wollte nicht. Ich hatte überhaupt keine Lust tief zu atmen, geschweige denn durch den Mund. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich gar nicht mehr geatmet. Tatsächlich hielt ich auch hin und wieder den Atem an, was wunderbar war. Aber sobald ich wieder halbwegs atmete, da war ich wieder im Widerstand. Eigentlich war das kein schlechtes Gefühl, es tat gut mir diese Verweigerung zu gönnen. Gelegentlich fragte ich mich, warum ich extra hergekommen und 50.- bezahlt hatte, und gegen was ich denn eigentlich rebellierte, wo ich mir doch ganz offensichtlich nur ins eigene Fleisch schnitt. Die zwei Breathworkleiter mussten sich wohl auch fragen. Zwischendurch kamen sie vorbei und berührten mich. Äusserlich, wie innerlich. Tränen rannen und mein Körper zitterte, aber ich blieb standhaft. Mehr als ein, zwei Atemzüge durch den Mund gab ich nicht preis. Und wenn die zwei weiterzogen zu anderen Atmenden, solche, die vermutlich wirklich atmeten, war die Nacht dunkler als zuvor. Aber ich hatte nichts verloren, denn ich hatte nichts gegeben. Der Laden war dicht und ich lag da und haderte mit Gott. Ihm galt mein ganzer Trotz. Aber er kam nicht und klopfte an meine Jalousien. Manchmal, ganz kurz, wenn ich den Atem anhielt, dann spürte ich ihn, aber dann nahmen meine Lungen ihre Tätigkeit wieder auf, und er rettete mich nicht. 

    Irgendwann so nach 45 Minuten, gab ich auf und rollte auf die Seite in die Embryohaltung. Ich zog die Decke über den Kopf und öffnete die Augen. Weil die Welt darin plötzlich wunderschön war. Dieses helle weiss der Baumwolle und meine Hände, die mir irgendwie lustig vorkamen. Und da, von ganz alleine begann ich zu atmen, voll und tief durch den Mund. Ich genoss, wie sich mein Körper unter der Decke ausdehnte und wieder entspannte. "Ich bin noch nicht ausgereift." dachte es in mir. Und da kam mir in den Sinn, dass meine Mutter meinen Geburtsprozess einleiten musste, weil ich eine knappe Woche über dem Geburtstermin war und man das da so machte. In dem Moment war ich mir nicht sicher, ob das wirklich so war, oder ob ich das irgendwie falsch im Kopf hatte, jedenfalls war es nun so, dass ich unter dieser Decke atmete und mir die Gelegenheit gab, mich fertig zu entwickeln. Für mich zu sein, bis ICH bereit war für die Welt. 

    Bald schon sehnte ich mich nach frischerer Luft und ich öffnete die Decke ein wenig. Das tat so gut, dass ich mehr und mehr daran zog bis mein Kopf ganz frei war. Und ich atmete immer noch tief und es ging mir immer noch gut. Und ich merkte, wie sich die Welt verändert hatte.

     

    Aber um das zu erläutern, muss ich nochmals etwas ausholen. Im Rahmen meiner Ausbildung erhielt ich von einer Mitstudentin eine Rückführung zu den Anfängen meines Lebens. Ich erlebte mich selbst im Bauch meiner Mutter und ich erfuhr noch einmal meine eigene Geburt. Ich war überwältigt von der Liebe meiner Eltern und dem Gefühl von Willkommensein. Zutiefst berührt.

    Und zutiefst verwirrt als ich nach dem ersten Kennenlernen auf die Babystation verfrachtet wurde. Hä?, ich dachte, ich sei so willkommen? Irgendein Lichtwesen um mich, erklärte mir, dass die Menschen das so machen hier, und dass mein Mami sich nun ausruhen kann, aber das leuchtete mir nicht ein. Ich konnte diese zwei ersten Eindrücke, der Welt einfach nicht zusammenbringen. Eigentlich mein ganzes Leben lang nicht.

    Aber als ich eben an dem Tag meiner Antibreathworksession unter der Decke hervortauchte, da merkte ich, dass der Gedanke an die Babystation gar nicht mehr schlimm war. Im Gegenteil, ich lag da und genoss die Zeit für mich, und ich fand es spannend, mich in diesem Teil der Welt umzusehen, die unterschiedlichen Stimmen der Babies um mich. Und ich wusste, auch wenn ich meine Eltern grad nicht sehe, die Liebe ist dennoch da. Ich werde gewollt auch wenn ich gerade keinen Beweis dafür kriege.

    Und Gott ist da. Punkt.